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    DIE "NEUE NORMALITÄT" ALS GROSSE CHANCE FÜR DEN TOURISMUS

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DIE "NEUE NORMALITÄT" ALS GROSSE CHANCE FÜR DEN TOURISMUS

Noch nie waren gute Ideen und Konzepte in der Gastronomie und Hotellerie so gefragt wie jetzt. Gebannt blickt die Branche auf einen Sommer, der richtungsweisend sein wird und den Tourismus in Österreich nachhaltig verändern kann.

Einen solchen Ansturm auf freie Zimmer hat es in der 446 Jahre langen Geschichte des Grazer Parkhotels noch nie gegeben: Schon für den 29. Mai, also den ersten Tag nach Ende des Corona-bedingten Lockdown in Österreich, gingen bei Hotelchef Philipp Florian mehr als 6.000 Reservierungsanfragen aus dem ganzen Land ein. Zufall war das freilich keiner. Vielmehr ein Hilferuf. Der Grazer Hotelier stand Mitte Mai wie zahlreiche seiner Kollegen vor einem Reservierungsbuch mit zu vielen leeren Seiten. Anstatt auf Reisewillige zu warten, drehte er den Spieß um und verschenkte alle 68 Zimmer und Suiten seines 4-Sterne-Superior-Hotels mittels Facebook-Posting an „willige“ Graz-Touristen. Der Plan ging auf: Sämtliche Zeitungen und auch das Fernsehen berichteten über die ungewöhnliche Aktion des Hoteliers – sein Haus und somit auch Graz als Destination waren in aller Munde. Damit wird das Parkhotel am ersten Öffnungswochenende wohl einer der wenigen Beherbergungsbetriebe in Österreich sein, dessen Zimmer restlos belegt sind. „Der Markt an potenziellen Touristen wird in diesem Sommer so hart umkämpft sein wie noch nie zuvor. Jeder Hotelier braucht jetzt gute Konzepte, natürlich aber auch jede Tourismusdestination“, sagt Florian.

Eine aktuelle Umfrage der Universität Wien (Vienna Center for Electoral Research) bestätigt seine Annahme: Drei von vier Befragten in Österreich sehen demnach derzeit einen sehr schlechten oder eher schlechten Zeitpunkt, einen Urlaub zu planen. Umso (überlebens)wichtiger war da die Nachricht der geplanten Grenzöffnung zu Deutschland sowie zur Schweiz mit 15. Juni. Immerhin sind die Deutschen die größte Gästegruppe im heimischen Sommertourismus. Im Rekordsommer 2019 sorgten sie zwischen Mai und Oktober für 37 Prozent der insgesamt 78,9 Millionen Nächtigungen, gefolgt von den Österreichern mit 29 Prozent aller Übernachtungen. Lieblingsdestinationen sind Berg und See – ganz vorne im Ranking zu finden ist Kärnten, laut Umfrage mit 18 Prozent das am häufigsten genannte Ziel.

Adaptierte Werbekampagne am Wörthersee

Dementsprechend sonnig und optimistisch ist trotz allen Einschränkungen die Stimmung am Wörthersee, wie Franz Huditz bestätigt. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter der idyllisch am Seeufer gelegenen Villa Lido. Huditz ist auch Geschäftsführer der Wörthersee Schifffahrt, deren insgesamt sechs Schiffe gleich nebenan vom Friedelstrand ablegen. Nach dem Lockdown war es auch eines seiner Linienschiffe, das am 8. Mai als erstes in Österreich wieder in Betrieb genommen wurde. Zum Re-Start der Gastronomie am 15. Mai steuerte die Flotte der Wörthersee Schifffahrt für seine Gäste sogar kostenlos von Ufer zu Ufer. „Es braucht vor allem zu Beginn Angebote, um den Menschen Lust zu machen und auch Vertrauen in die Sicherheit zu geben“, sagt Huditz, der sich für den See ein neues Comeback der guten alten Sommerfrische erwartet. In „neuer Normalität“, aber immerhin: Die meisten seiner Mitarbeiter haben sich für das Tragen des Gesichtsschutzschilds entschieden, zudem hat Huditz einen eigenen Verhaltenskodex für den Umgang mit den Gästen aufgestellt. Die Tische im Lokal und auf der Terrasse hat er so verteilt, dass genügend Abstand ist.

Potenzielle Gäste spricht man nun gemeinschaftlich über eine neue Strategie der Kärnten Werbung an, wie Huditz bestätigt: „Durch die neue Situation wurden die Budgets umgeschichtet und eine vollkommen neue Strategie ausgearbeitet.“ Seit 1. Mai läuft eine TV-Kampagne, Mitte Mai folgten Werbespots im Radio, im Juni wird die Trommel noch lauter gerührt. Im Fokus der Bemühungen steht zuerst Österreich und dann Deutschland.

Tourismus in Österreich vor Umbruch

Ähnlich sind die Bestrebungen in fast allen Tourismusregionen Österreichs. Konkret geht es um die Gruppe jener 65 Prozent der Österreicher, die im vergangenen Jahr ihre Ferien im Ausland verbracht haben. So setzt auch die Österreich Werbung auf die Kernbotschaft „Entdecke dein eigenes Land. Auf dich wartet ein guter Sommer“. Aber auch der Zustrom von deutschen Gästen ist ausbaufähig: Im Jahr 1991 lag der Anteil der deutschen Urlauber in Österreich noch bei mehr als 50 Prozent (39 Millionen Nächtigungen) und damit deutlich über den 37 Prozent bzw. den 29 Millionen deutschen Urlaubsgästen von 2019.

Zudem plant die Bundesregierung nun auch möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hotels und ähnlichen Betrieben auf den Corona-Virus testen. Den Menschen, die in Österreich Urlaub machen, soll ein „Maximum an Sicherheit“ und ein „Maximum an Freude“ ermöglicht werden. Um diese Lust auf Urlaub in Österreich beim Zielpublikum zu wecken, erhält die Österreich Werbung ein Sonderbudget von 40 Millionen Euro. Der Titel der bald losstartenden Kampagne: „Auf dich wartet ein guter Sommer“.

Trotz aller Bemühungen ist jedoch eines zu bedenken: Zieht man nämlich in Betracht, dass Flugreisen in diesem Sommer kaum möglich sein werden und aufgrund des Klimawandels auch in Zukunft an Bedeutung verlieren könnten, so steht der Tourismus in Österreich vor einem großen Umbruch – oder wie Florian Köhler sagt: vor einer riesigen Chance. Der Manager des „Mama Thresl“-Hotels in Leogang mitten in der Pinzgauer Bergwelt rät zur aktiven Ansprache der Gäste: „Vor allem Österreich bietet nun das, wonach Urlauber jetzt und auch in Zukunft suchen. Nämlich Destinationen fernab vom Massentourismus und mit einer Erreichbarkeit entweder mit dem Auto oder sogar mit der Bahn.“

Bis Mitte Juni plant der Hotelier das „Mama Thresl“ nur von Donnerstag bis Sonntag zu öffnen, spätestens ab Juli soll auf Vollbetrieb hochgefahren werden. „Die Auslastung könnte im Vergleich zu den Vorjahren im Sommer sogar höher ausfallen“, sagt Köhler, der mit Kampagnen über Social Media gezielt ein Publikum aus der Stadt anspricht – Wien und Salzburg, natürlich auch München. Ein gut funktionierendes Buchungstool über die eigene Homepage sei nun so wichtig wie nie zuvor, so Köhler. „Wenn wir einmal die Chance haben, uns von Booking und anderen Plattformen loszueisen, dann jetzt.“

Schwierige Lage für Stadthotellerie

Vor einer weit schwierigeren Herausforderung steht freilich die Stadthotellerie. Mehr als drei Viertel des Tourismusaufkommens in Wien und den acht Landeshauptstädten kommen aus dem Ausland. Gerade in den Sommermonaten finden normalerweise zahlreiche Kulturevents statt, die Anlass für einen Besuch der Städte sind. Auch einige Großveranstaltungen aus dem Kongress-Sektor wurden in den Sommer verschoben. Größere und kleinere Kongresse und Firmenevents mussten bereits abgesagt werden. „Dies trifft die Städte besonders hart. Denn Kongresse stehen nicht nur für Wissensaustausch auf höchstem Niveau, sondern auch für besonders hohe Wertschöpfung und Umsätze“, sagt Norbert Kettner, Direktor von Wien Tourismus. So sieht das auch Michaela Reitterer. Mit dem Boutiquehotel Stadthalle führt sie ein bestens ausgelastetes Öko-Haus, das schon mit einer Null-Energie-Bilanz glänzte, als der Klimawandel noch nicht das große Thema war. Als Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) hat Reitterer aber natürlich immer auch das große Ganze im Blick, und für die Stadthotellerie sind die Aussichten weniger rosig: „Solange wir keine Impfung gegen das Coronavirus haben, wird es sehr schwierig für die Stadthoteliers sein. Das Tief kann sich sogar bis mindestens Ende 2021 ziehen.“ Nun soll die Inlandskampagne der Österreich Werbung auch ganz bewusst die Städte hervorheben.

Klare Kommunikation mit den Gästen

Das begrüßt auch Robert Grossauer. Seine Familie betreibt eines der größten Gastronomieunternehmen Österreichs mit acht unterschiedlichen Food-Konzepten und Standorten u.a. in Wien, Graz und München. „Auch wenn einheimische Gäste für uns eine große Rolle spielen, so brauchen auch wir die Touristen, um wirtschaftlich arbeiten zu können.“ Für seine Betriebe setzt Grossauer nun auf eine ganz klare Kommunikation mit den Gästen. „Die Situation mit den neuen Regeln ist für viele noch undurchsichtig. Wir wollen hier Barrieren abbauen und proaktiv darstellen, wie wir mit der Situation umgehen.“ Auf den Social-Media-Kanälen seines Lokals laufen nun Kurzvideos, in denen sämtliche Neuerungen präsentiert werden. Das reicht vom Abstandhalten im Lokal bis hin zur Bestellung über die Onlinespeisekarte, die Gäste mittels QR-Code direkt am Tisch abrufen können. Etwas undurchsichtiger ist die Lage derzeit noch für Gourmetrestaurants, die vor allem in den Städten auf internationale Gäste angewiesen sind. „In unserem Restaurant sitzen Menschen aus aller Welt. Wenn diese Internationalität wegfällt, bricht auch ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells weg“, sagt Österreichs einziger 3-Sterne-Koch Juan Amador, der im Wiener-Grinzing sein Restaurant betreibt.

Die Chancen in der Krise

Ohne ausländische Gäste wird es schwierig, heißt es auch aus Bregenz. Hier am Dreiländereck ist man im besonderen Maß von internationalen Gästen „abhängig“. Umso hoffnungsvoller sind die Aussichten seit dem Bekanntwerden der Grenzöffnung zu Deutschland und zur Schweiz. „Fernreisen mit dem Flugzeug werden in diesem Sommer wohl kaum möglich sein, das eröffnet ein völlig neues Potenzial an Gästen, die man nun ganz gezielt ansprechen muss“, sagt Stefan Köb, dessen Hafenrestaurant Pier69 direkt am Ufer des Bodensees liegt. Ein Thema dabei sind die „Strände Österreichs“, die man nun noch stärker am Markt bewerben müsse. „Wir können als Tourismusdestination auch gestärkt aus dem Ganzen hervorgehen“, ist sich Köb sicher. Einerseits ortet er eine neue Solidarität, wenn es um Urlaub im eigenen Land geht, andererseits passt die neue Einschränkung an Fernreisen auch zum Klimawandel und könnte ein Motor für den Umbruch im Tourismusland Österreich sein. Köb: „Keine Frage, die Situation ist eine außergewöhnliche und schwierige. Wer nun aber ganz offensiv seine Stärken nach außen präsentiert, kann am Ende auch profitieren. Jeder Krise hat auch ihre Chancen. Und diese vielleicht besonders.

Frag Rauch
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